01.Oktober 2026
Stellungnahme der Freiwilligen-Agentur Halle (Saale) e.V. zur geplanten Ausweitung verpflichtender Arbeitsgelegenheiten nach § 5AsylbLG
ANLASS
Vor einigen Tagen kündigte der Oberbürgermeister der Stadt Halle (Saale), Dr. Alexander
Vogt an, in Halle flächendeckend verpflichtende Arbeitsgelegenheiten für Asylbewerbende
und Geduldete einzuführen. Vorgesehen ist eine Aufwandsentschädigung von 80 Cent pro
Stunde. Wer eine zumutbare Arbeitsgelegenheit ohne wichtigen Grund ablehnt, muss mit
leistungsrechtlichen Folgen rechnen. Die Stadt möchte zudem freie Träger einbinden.
Wir teilen das Ziel, Geflüchteten früh Teilhabe, Sprachpraxis und berufliche Orientierung zu
ermöglichen. Den gewählten Weg, verpflichtende Einsätze mit Leistungskürzung bei Ableh-
nung, halten wir jedoch aus fachlicher Sicht für den falschen.
WIRKSAME INTEGRATION: WO DER SCHWERPUNKT LIEGEN SOLLTE
Die öffentliche Debatte dreht sich um Zwang und Sanktionen. Die eigentlichen Hürden liegen
woanders. Nicht bewilligte Sprachkurs-Teilnahmen, insbesondere für sogenannte „Wiederho-
ler“, lange Wartezeit zur Anerkennung von Qualifikationen, Benachteiligungen bei der Ar-
beitssuche und prekäre Beschäftigung etwa in Zeitarbeitsfirmen. Arbeitsverbote, Wartefristen
und unsichere Aufenthaltsperspektiven bremsen Arbeitgeber wie Arbeitssuchende. Bera-
tungsstrukturen sind unterfinanziert, Wohnsituation und Mobilität entscheiden oft darüber,
ob Arbeit oder Sprachkurs überhaupt erreichbar sind.
Wir sehen die Gefahr, dass mit der angestoßenen Debatte ein sichtbares, aber wirkungsarmes
Instrument in den Vordergrund gerückt wird, während Investitionen in Sprache, Qualifizie-
rung und Vermittlung zu kurz kommen. Erfahrungen anderer Kommunen sollten sorgfältig
und transparent ausgewertet werden: Wie viele Teilnehmende sind tatsächlich in reguläre Ar-
beit gekommen und aufgrund welcher Maßnahme?
ZUR TONLAGE DER DEBATTE
Wir beobachten mit Sorge, dass die Debatte zunehmend mit negativen Zuschreibungen ge-
führt wird. Die Rede von der notwendigen Verpflichtung suggeriert mangelnde Bereitschaft,
obwohl viele Geflüchtete arbeiten wollen und durch Arbeitsbeschränkungen, lange Verfahren
und fehlende Anerkennung daran gehindert werden. Sanktionsdebatten prägen das Bild von
Menschen, die kontrolliert werden müssen, und belasten das Miteinander in der Stadt. Was
bereits geschieht, kommt dagegen kaum vor: Zahlreiche Geflüchtete engagieren sich ehren-
amtlich, arbeiten oder qualifizieren sich. Wir bitten Politik und Verwaltung, die Debatte sach-
lich, respektvoll und lösungsorientiert zu führen und Betroffene sowie ihre Organisationen
einzubeziehen.
FREIWILLIGKEIT STATT ZWANG
Unserer Erfahrung nach werden die Ziele, die die Stadt nennt und die wir teilen (Teilhabe,
Sprachpraxis, berufliche Orientierung und Beteiligung am Allgemeinwohl), vor allem dort er-
reicht, wo Menschen selbst entscheiden, ob, wo und wie sie sich einbringen. Motivation, Ver-
bundenheit mit der Stadt und das Gefühl, etwas Sinnvolles beizutragen, lassen sich unter
Sanktionsandrohung kaum erzeugen. Oberbürgermeister Dr. Vogt betont, Zusammenleben
brauche persönliche Begegnung und gegenseitiges Vertrauen. Genau dafür ist Freiwilligkeit
unsere wichtigste Erfahrung und kann ehrenamtliches Engagement einen großen Beitrag leis-
ten.
WAS AUS UNSERER SICHT GUT FUNKTIONIERT: ENGAGEMENT ALS CHANCE ZUR IN-
TEGRATION UND TEILHABE
Wie Teilhabe und Integration durch ehrenamtliches Engagement und Freiwilligendienste ge-
lingen können, zeigt der WELCOME-Treff. Menschen mit Fluchterfahrung engagieren sich
dort aus eigenem Antrieb, bringen ihre Fähigkeiten ein und knüpfen Kontakte in die Stadtge-
sellschaft. Das Angebot ist niedrigschwellig, begleitet die Engagierten und sorgt für Anerken-
nung und Wertschätzung. Engagierte werden beteiligt, nicht verwaltet. Aus dieser Begegnung
entstehen Sprachpraxis, Netzwerke und Orientierung im Alltag, häufig auch Wege in Ausbil-
dung, Arbeit oder weiteres Engagement. Ein besonders wirksames Instrument dafür ist auch
der Bundesfreiwilligendienst als verbindlicher und zugleich flexibler Rahmen, der Engage-
ment mit Begleitung, Qualifizierung und einem Taschengeld verbindet. Er eröffnet Menschen
mit Fluchterfahrung die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, berufliche Orientierung
zu gewinnen und dauerhaft in der Stadtgesellschaft anzukommen.
Auch andere Träger und Einrichtungen setzen mit guten Erfahrungen auf dieses Prinzip: Wo
Menschen selbst wählen können, wie und wo sie sich einbringen, entsteht Bindung an die
Stadt. Diese Erfahrung lässt sich nicht durch Verpflichtung ersetzen, wohl aber ausbauen,
wenn Engagementangebote verlässlich gefördert werden.
Die Freiwilligen-Agentur steht bereit, an tragfähigen Konzepten für Formen freiwilligen Enga-
gements von Geflüchteten mitzuwirken, etwa durch Vermittlung, Begleitung und Qualifizie-
rung von Einsatzstellen.
KONTAKT
Freiwilligen-Agentur Halle (Saale) e.V.
Hansering 20 (Eingang D) I 06108 Halle
mail: geschaeftsfuehrung@freiwilligen-agentur.de
Tel: 0345 – 200 34 11
